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Die Widersprüchlichkeit des Visa-Regimes

Anmerkung der Redaktion: Der folgende Text ist die inhaltliche Transkription eines Interviews, das im Oktober 2019 auf der Strategiekonferenz der Bewegungsstiftung “Zusammen wirksam” geführt wurde.

Ich komme aus dem Niger und bin verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit von Alarmphone Sahara, das für das Recht auf freie und nicht-regulierte Migration kämpft. In dieser Arbeit sind wir immer wieder mit Problemen konfrontiert, eines davon ist das Treffen von Partner*innen in Europa. Unsere Freund*innen aus Europa können ohne Probleme nach Afrika kommen, wo wir über Fragen der Migration reden können. Aber für uns ist es schwierig nach Europa zu kommen. Diese Schwierigkeit betrifft eben vor allem ein Visum zu bekommen.

Unser Visum wurde von der französischen Botschaft abgelehnt, obwohl wir alle Dokumente fein säuberlich gesammelt und bereitgestellt haben. Die Dokumente, die es braucht sind: Reisepass, eine Bestätigung, dass alle Kosten gezahlt werden können, die Einladung und der Grund der Reise, und der Nachweis, dass man gut zu Hause verwurzelt ist, der z.B. zeigt, dass man einen guten sozialen Status, Stabilität im Leben hat. Dieser Nachweis ist oft der kritischste Moment um ein Visum zu bekommen und worin sich die größte Heuchelei des europäischen Visasystems ausdrückt.

Ich bin Ingenieur, ich habe eine Agentur für Kommunikation, ich habe alle finanziellen und öffentlichen Dokumente vorgelegt, die beweisen, dass das Unternehmen, in dem ich arbeite, existiert. Ich habe mein Einkommen belegt.

Ich war nicht allein, sondern der Koordinator des Projekts, ein Lehrer, der seit mehr als 20 Jahren im öffentlichen Dienst arbeitet, hat mit mir zusammen das Visum beantragt. Selbst mit diesen ganzen Informationen und Nachweisen haben wir kein Visum bekommen. Das ist genau die Heuchelei, von der ich oben sprach.

Nochmal etwas mehr im Detail der Ablauf, der Hürdenlauf des Visa-Regimes: Der erste Schritt ist, dass man diese Dokumente persönlich in der Botschaft einreichen muss. In diesem Fall war das Niamey wo wir einen Monat vor der Reise hinreisen mussten. Man muss also einen Termin ausmachen, vorher alle Dokumente sammeln und dann vorlegen. Für meinen Kollegen bedeutete das, dass er dafür eine Reise von 1000km auf sich nehmen muss um von Agadez nach Niamey zu kommen. Das ist eine Reise von 2 Tagen! Man muss sich das mal vorstellen, im 21. Jahrhundert! Ein Land, das sich entwickelt nennt, erwartet, dass man persönlich in die Botschaft kommen muss, um die Dokumente abzugeben. Warum geht das nicht digital? Da werden dir weitere Steine in den Weg geworfen und das vor dem Hintergrund, dass es noch nicht mal sicher ist, das Visum überhaupt zu bekommen. Allein für den Visumsantrag muss man ungefähr 50.000 CFA-Francs (ca. 76€) bezahlen. Um die Dokumente zu beantragen, beglaubigte Kopien anzufertigen und so weiter muss man nochmal ungefähr 50.000 CFA-Francs ausgeben. Man darf das nicht unterschätzen. Man muss zu den unterschiedlichen Behörden gehen, dort warten, Kopien anfertigen, sich Dinge bestätigen lassen. Das braucht alles sehr viel Zeit. Und hier sind noch nicht die Kosten für die Reise reingerechnet. Mein Kollege, der also von Agadez nach Niamey reisen musste, muss dafür noch Reisekosten von ca. 60.000 CFA-Francs (ca. 91€) für die einfache Fahrt mit reinrechnen. Dazu muss man nun noch Unterkunft für eine Woche rechnen, die man in der Hauptstadt verbringen muss, um auf das Resultat zu warten. In dieser Zeit können wir natürlich auch nicht arbeiten und müssen uns Urlaub nehmen. Das alles um auf das Ergebnis des Antrags zu warten.

Diese erste Etappe haben wir also auf uns genommen, obwohl schon die Umstände für uns sehr fragwürdig und respektlos sind. Das Visum um nach Europa einzureisen, ist ungefähr so, wie das Visum für das Paradies zu bekommen. Danach muss man eine Woche später erneut einen Termin vereinbaren um das Visum abzuholen.

Dann, am alles entscheidenden Tag, kommt man in die Botschaft, es gibt keine Anhörung. Wir bekommen nur einen simplen Zettel auf dem in unserem Fall die Ablehnung mitgeteilt wird. Das Ganze wird kommentiert mit dem Satz, der für uns der Gipfel der Heuchelei darstellt: „Die Freiwilligkeit oder Bereitschaft zurückzukehren konnte nicht festgestellt werden“. Das ist total vage! Und wir verstehen das auch nicht so richtig. Sie haben uns ja nicht mal gefragt, oder mit uns geredet!

Für mich ist das eine Erniedrigung. Ich fühle mich als Person nicht ernst genommen. Ich fühle mich in meiner Würde verletzt. Das ganze Geld, das ich ausgegeben habe, war für nichts. Das ist wie Lotto spielen. Aber sie verdienen auch noch an dem ganzen Prozess. Das ist ja, als ob sie damit noch ein Geschäft betreiben! Man muss bedenken, wie viel Visumsanträge gestellt werden und wie viele davon abgelehnt werden! Das ist wirklich erniedrigend! Diese Ungerechtigkeit, diese Bevormundung des Ex-Kolonisators Frankreich!

Wir haben dann einen Brief geschrieben, der nochmal betont hat, dass ich nach Deutschland reisen muss, um an unserem Projekt Alarmphone Sahara weiterarbeiten zu können. Wir haben den Brief abgegeben, aber man kommt ja gar nicht erst richtig an die Botschaft ran. Man muss dort an der Botschaft einen Termin beantragen und wenn man nicht empfangen wird, kommt man auch nicht ran. Das ist sehr abgeriegelt um sich gegen Menschen abzuschirmen. Ich habe mich dann darüber informiert, welche rechtlichen Schritte man ergreifen kann. Aber das wäre nochmal mit Ausgaben, weiterer Energieverschwendung verbunden gewesen. Und am Ende wäre es doch unnütz gewesen. Das wollte ich nicht nochmal auf mich nehmen. Vor Allem, wann wäre dann über meinen Fall entschieden worden? Wie lange hätte ich darauf warten müssen?

Wir wollten trotzdem nicht aufgeben. Auch weil wir die Arbeit und Partnerschaft mit unseren Freund*innen in Deutschland sehr wichtig finden. Wir sind dann also zum nächsten deutschen Konsulat gefahren, in Ouagadougou in Burkina Faso. Das hat nochmal eine Reise von 600km bedeutet. Nochmal, mein Freund musste erst von Agadez nach Niamey und dann von dort nach Ouagadougou fahren. Dort haben wir immerhin einen kleinen Unterschied festgestellt. Der Empfang dort war immerhin ein bisschen besser. Zum Beispiel waren die Angaben zu den benötigten Dokumenten etwas klarer und präziser. Wir mussten also nochmal ungefähr die gleichen Dokumente besorgen, nochmal den Preis zahlen um erneut einen Visumsantrag zu stellen.

Wenn ich jetzt zurück blicke auf all das was ich dafür machen musste, ist das Visaregime für mich ein… dafür fehlen mir die Worte. Es ist viel zu mies! Das ist eine absolute Katastrophe. Das ist Rassismus, eine Heuchelei und es ist in Widersprüchen verstrickt. Es ist viel zu schwierig für uns Afrikaner*innen ein Visum in Europa zu bekommen. Mit Blick auf die Migration verstehe ich diese Politik auch nicht. Man erschwert den Zugang über Visa, man möchte die irreguläre Migration vermeiden aber das ist doch genau das Phänomen, das die Leute in die Migration treibt! Das führt dazu, dass Menschen die ganzen Risiken auf sich nehmen und riskieren im Mittelmeer zu sterben. Dieser Stress, der einen umtreibt um die ganzen Schritte des Visums zu durchlaufen.

Der gesamte Visavergabeprozess muss auch im Kontext von Niger gesehen werden. Der Zugang zur Visabeantragung ist schon qua den ökonomischen Umständen eine sehr große Hürde und nicht für alle möglich. 90% der Menschen in Niger leben von weniger als 1$ pro Tag. Also kann nur ein kleiner Teil der Bevölkerung es sich leisten ein Visum zu beantragen.

Wir sind ein transkontinentales Netzwerk AEI mit unterschiedlichen Organisationen im globalen Süden in Afrika aber auch in Europa. Ich bin jetzt nach Deutschland gekommen um an mehreren Netzwerktreffen, Konferenzen teilzunehmen und Vorträge zum Alarmphone Sahara zu halten. Der persönliche Kontakt hilft meistens um am Projekt weiter zu arbeiten, weil die Distanz die Zusammenarbeit oft erschwert. Jetzt in dieser Zeit in Deutschland ging es darum konkrete anstehende Projekte beim Alarmphone Sahara weiter voran zu treiben und zu konkretisieren.

Wenn ich jetzt über das Migrationsregime nachdenke, muss ich an Folgendes denken. Dieser Diskurs über Migration ist auf zwei Arten absurd und schlicht falsch. Erstens geht es meistens darum, dass alle davon ausgehen, dass die größten Migrationsbewegungen von Süden in den Norden gehen. Dabei wird meist vernachlässigt, dass es große Migrationsbewegungen innerhalb des globalen Südens gibt. Zweitens ist immer die Rede davon Migration zu regulieren und zu kontrollieren. Das widerspricht in allen Punkten dem existierenden Visaregime. Alle Möglichkeiten der freiwilligen Migration werden durch die schier unüberwindbaren Hürden der Visavergabe fast unmöglich. Die Spanne zwischen dem was man sagt und dem was man tut ist riesig. Das ist widersprüchlich. Eine weitere Absurdität ist, dass jetzt private Agenturen die Visabeantragung übernehmen sollen. Das bringt noch weitere Probleme mit sich.

Die Absurdität des Diskurses drückt sich aber auch in der Sprache selbst aus: Wenn ich nach Europa komme werde ich Migrant genannt. Wenn ein*e Europäer*in ins Ausland migriert ist er/sie ein Auswanderer. Vielleicht spreche ich die Sprache nicht so gut aber für mich ist ein Auswanderer einfach jemand der sein Herkunftsland verlassen hat. Ich bin auch im Arbeitskontext hier. Ich dagegen werde als Migrant wahrgenommen. Das ist Heuchelei. Wenn dagegen Europäer*innen nach Afrika kommen wollen geht das ohne Probleme. Das kann man wahrscheinlich einfach online machen. Oder man braucht nicht mal eins und kann diese Sache einfach am Flughafen klären.

Es bleibt uns also noch sehr viel Arbeit um gegen diese Erniedrigung im Visa- und Migrationsregime zu kämpfen. Wir müssen diese Visafälle öffentlich machen, anprangern um Druck aufzubauen. Wir müssen zeigen, dass die Staaten dafür verantwortlich sind, dass die irreguläre Migration immer weiter zunimmt.

Unir nuestras voces para un solo grito/ Unsere Stimmen zu einem einzigen Schrei vereinen

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Hallo, ich bin Azucena Morales aus Ecuador, ich bin Mitglied der Partnerorganisation der Zugvögel, Aves de Paso Ecuador.

Am 18 Juni fand ein Ventao-Seminar (partner conference) in Frankfurt a. M. statt, zu dem ich eingeladen war. Als ich davon erfuhr, nahm ich den Kontakt zu der Person auf, die bei Ventao für die Logistik und Visaangelegenheiten zuständig war und fragte, ob es möglich sei, meinen Aufenthalt in Deutschland um eine Woche zu verlängern, um einige Freunde besuchen zu können. Mir wurde mitgeteilt, ich könne bis zum 29. Juni bleiben, insgesamt 13 Tage. Sowohl Ventao als auch die Zugvögel unterstützten mich mit einem Einladungsschreiben. Ich erfüllte alle Anforderungen für ein Visum. Da ich Studentin bin, fügte ich, als ich zur deutschen Botschaft ging, ein Zertifikat der Universität bei. Als ich die Dokumente einreichte wurden sie durchgeschaut und überprüft, ob alles komplett und genug Geld vorhanden war.

Nun wartete ich, dass man mich anrufen und mir das Visum aushändigen würde. Als sie mich anriefen, überprüften wir nochmals die Dokumente, ich hatte alles ausgefüllt, die Reservation des Fluges, die Reiseversicherung und außerdem eine Reservation für ein Hostel, da ich bereits am 16. Juni ankommen würde.

Die Frau in der Botschaft fragte mich, ob ich arbeiten würde und ich antwortete, dass ich im vergangenen Dezember zu arbeiten aufgehört hatte, um zu studieren. Deshalb habe ich keine fixen Einkünfte, allerdings arbeite Teilzeit, wofür ich in bar bezahlt werde. Ich erklärte sowohl mündlich als auch im Formular, dass ich Bargeld mit nach Deutschland nehmen würde, außer den Reisekosten wie Transport- und Übernachtungskosten, was auch im Einladungsschreiben niedergelegt war. In der Botschaft wurde ich nun gefragt, mit wem ich zusammen wohnen würde. Da ich mit meinen Schwestern zusammenlebe verlangte man von mir deren Arbeitsverträge, Bankunterlagen und Auskunft über ihr Vermögen. Als ich nach dem Grund hierfür fragte, wurde mir geantwortet, dies sei Voraussetzung für das Visum und als ich weiter nachfragte hieß es, wenn ich die Dokumente nicht einreichen würde, könne ich kein Visum bekommen. Dies ärgerte mich sehr und ich sagte nur, dass ich das Verlangte bringen würde. Am nächsten Tag brachte ich die gewünschten Dokumente zur Botschaft und zusätzlich die Kreditkarte meiner Schwester. Am Donnerstag, den 14. Juni ging ich um meinen Pass abzuholen. Zu meiner Überraschung wurde mir das Visum verweigert, da ich nicht genügend Geld haben sollte, um die Kosten in Deutschland zu decken. Ich fragte, wie das möglich sei, da ich mit der Frau, die mich für das Visum interviewte, alles abgeklärt hatte. Mir wurde erneut gesagt, dass ich das Visum nicht bekommen könnte und falls ich es nicht verstehen würde, könne ich es in dem Dokument nachlesen, dass ausführte, warum ich das Visum nicht erhalten hatte. Ich fühlte mich sehr schlecht, da ich nicht wusste, wie viel Geld zu haben von mir verlangt wurde.

Bis heute bin ich sehr traurig und wütend, da ich nichts machen kann. Das was passiert ist, ließ mich merken, dass sogar die Ungerechtigkeit ihre guten Seiten hat. Es fordert mich heraus, in einer ungerechten Welt so glücklich wie möglich zu sein.

Es gab viele Menschen, die mich moralisch unterstützt haben. Dadurch habe ich gemerkt, dass es nicht nur meine Angelegenheit, sondern die vieler Menschen war. Damit sich so etwas nicht wiederholt, muss etwas unternommen werden oder eine Lösung gefunden werden, um unsere Stimmen zu einem einzigen Schrei zu vereinen.

Beste Grüße, Azu


++ versión española ++

 

Hola, soy Azucena Morales de Ecuador, soy parte de  Aves de Paso Ecuador, es partner organization de Zugvögel.

El 18 de julio se realizó el seminario Ventao partner conference en Frankfurt, la cual me invitaron. Al saber eso  me puse  en contacto con la persona de Ventao quien estaba encargada de logística para los tramites de visa. Le pregunte si podía extender mi viaje una semana más para poder visitar algunos amigos. Entonces me dijo que si, le dije la fecha de regreso era el 29 de julio, total 13 días. Me ayudaron con la carta de invitación tanto como Ventao y Zugvögel. Los requisitos para la visa los tenia todos, tomando en cuenta que yo soy estudiante  adjunté un certificado de la universidad también. Cuando me presenté en la embajada antes de ingresar a entregar todos los documentos, nos revisan que tengamos todo completo y el dinero.

Una vez revisado esperé a que me llamaran para entregar lo solicitado. Cuando me llamaron empezamos a revisar nuevamente los documentos. Tenía los formularios llenos, la reserva del vuelo, el seguro de viaje y también la reserva de un hostal porque yo llegaba el 16 de julio.

La señorita me preguntó que si yo trabajaba, le dije que dejé de trabajar desde diciembre del año anterior porque entré a estudiar, por ese motivo yo no tenia un ingreso pero trabajo haciendo tareas dirigidas a medio tiempo la cual se me paga en efectivo. Pero yo le expliqué y en el formulario también especifiqué que iba a llevar dinero en efectivo, aparte que los gastos  como  pasaje y hospedaje ya estaban justificado y en la carta de invitación también lo explicaba. Cuando me preguntó con quien vivía le dije que con mis hermanas, entonces me solicitó certificado laboral, certificado bancarios y estados de cuentas de las dos. Le pregunté ¿Por qué? Me dijo que es un requisito y cuando le volví a preguntar me respondió: tiene que traermelos o si no, no hay visa. Me molesté mucho y lo único que le dije fue: bueno le traigo lo solicitado. Al día siguiente fui a dejar en la embajada lo que me me pidió, aumentando la tarjeta de crédito de mi hermana. El día jueves 14 de julio fui a retirar mi pasaporte con la sorpresa que me negaron la visa por no tener suficiente dinero para costear los gastos en Alemania. Le dije a la señorita que como es posible eso, si con la señorita que me entrevistó eso quedó claro. Nuevamente la chica me dijo: no sé, no le dieron la visa y punto y si no me entiende, tenga este documento donde le explica porque no le dieron la visa. Me sentí muy mal por que no sé cuanto dinero quería que tenga para poder viajar a su país.

Hasta ahora me da tristeza y rabia al no poder hacer nada, pero esto lo que me pasó me hizo tomar en cuenta que incluso la injusticia tiene su lado bueno. Me reta a que sea tan feliz como pueda en un mundo injusto.

Hubo muchas personas quien me apoyó moralmente y al saber eso me di cuenta que la lucha no es solo mía si no de varias personas. Para que esto no se vuelva a repetir se tiene que hacer algo o buscar una solución y unir nuestras voces para un solo grito.

Atentamente , Azu

Origin:
Ecuador
Destination:
Germany
Purpose:
partner conference
Name:
Azucena Morales
Occupation:
student

Cuando un grupo de jóvenes no puede viajar/ Wenn eine Jugendgruppe nicht reisen darf

++ versión española abajo ++

Anmerkung der Redaktion: Der Bericht basiert auf einem persönlichen Gruppengespräch, das am 15. April 2018 in Bonao, Dominikanische Republik geführt wurde.

Unsere katholische Jugendgruppe „Morada de Jesus“ pflegt schon seit vielen Jahren eine Partnerschaft mit dem Freundeskreis einer Pfarrgemeinde in Bocholt. Gemeinsam konnten so nun schon seit 1997 mehrere Austauschreisen organisiert werden, bei denen uns eine Gruppe deutscher Jugendlicher hier in Bonao besuchte und im Gegenzug eine Gruppe von uns auch zu einem Gegenbesuch nach Deutschland reiste. Bisher gab es nie Probleme und es war für alle eine tolle Erfahrung und Möglichkeit, ein anderes Land für kurze Zeit, in der Regel ca. 2-3 Wochen, kennen zu lernen.

Der letzte Austausch von Jugendlichen aus Bonao nach Deutschland war nun schon 17 Jahre her, daher hatten wir für dieses Jahr wieder eine solche Reise geplant. Anlasspunkt war zudem der deutsche Katholikentag, der dieses Jahr nicht weit von Bocholt entfernt in Münster stattfindet und an dem wir gemeinsam mit der Partnergemeinde teilnehmen wollten. Die Reise war also für den 30. April – 18. Mai geplant und unsere Gruppe bestand aus 9 Jugendlichen und zwei Begleitpersonen. Leider liefen einige Dinge nicht wie erwartet.

Aus der Erfahrung der letzten Jahre kannten die Organisatoren der Reise schon den Visumsprozess und wussten welche Dokumente wir benötigen würden. So bekamen wir zum Beispiel ein offizielles Einladungsschreiben von den deutschen Partnern, in dem der Grund unserer Reise und Details wie die Unterbringung in Gastfamilien erläutert wurden. Da alle von uns noch studieren oder zur Schule gehen, klärten wir die Reise im Vorfeld auch dort ab und bekamen in einem Schreiben die offizielle Erlaubnis, in dieser Zeit während dem laufenden Schuljahr/Semester fehlen zu dürfen. Wir bekamen die Sondergenehmigung, zu verpassenden Prüfungen schon vor der Reise ablegen zu können.

Am 1. März hatten wir den Termin zur Vorsprache auf der Botschaft und reisten mit allen nötigen Dokumenten im Gepäck in die 1,5 h entfernte Hauptstadt Santo Domingo. Die Minderjährigen unter uns wurden dabei gemeinsam mit ihren Eltern interviewt, alle anderen wurden zu Einzelgesprächen aufgerufen. Wir wurden von verschiedenen Personen interviewt, einige Fragen wiederholten sich jedoch bei allen. Beispielsweise wurden wir alle gefragt, ob wir Familienangehörige in Europa hätten und ob es unsere Absicht wäre, diese innerhalb der Reise zu besuchen. Teilweise wurde dieselbe Frage in einem Gespräch auch mehrmals auf unterschiedliche Weise gestellt, etwa, wie die Reise im laufenden Schuljahr mit der Schule abgesprochen war. Innerhalb der Gruppe erlebten wir die Gespräche unterschiedlich. Einige empfanden die Situation nicht als unangenehm und die Fragen als normal und angemessen. Andere von uns empfanden den Gesprächston allerdings als unpassend aufdringlich und fühlten sich durch die Art und Weise, wie die Fragen gestellt wurden unter Druck gesetzt. Teilweise fühlten wir im Ton der befragenden Person Anschuldigungen mitschwingen. Bei einer von uns kam während dem Interview auch plötzlich eine dritte Person herein und stellte Fragen. Außerdem bekamen wir teilweise Kommentare wie „Sie wissen schon, dass das ganze sehr teuer ist?!“ Jede/r von uns musste 60 Euro Gebühr für das Visum bezahlen, zudem waren für alle schon die Flüge gebucht. Für einige von uns waren das in der Tat sehr hohe Kosten, die teilweise von der deutschen Partnergemeinde mitfinanziert wurden.

Nach den Interviews wurde uns gesagt, wir sollten am darauffolgenden Montag zwischen 8-10 Uhr wiederkommen, dann würde uns das Ergebnis mitgeteilt werden. Unsere Reisepässe wurden solange von der Botschaft einbehalten. An dem Montag waren wir pünktlich auf der Botschaft, wo man uns dann sagte, wir sollten doch um 11 Uhr noch einmal wiederkommen, das Ergebnis stünde noch nicht fest. Wir mussten also noch einige Stunden in Santo Domingo warten. Um 11 Uhr wurde dann zuerst eine unserer Begleitpersonen, ein katholischer Pfarrer aufgerufen. Ihm wurde das Visum erteilt. Danach wurde eine von uns Jugendlichen aufgerufen, ihr wurde das Visum nicht erteilt. Nach und nach sagte man uns, dass uns allen und auch unserer zweiten Begleitperson das Visum für die Reise nach Deutschland verweigert wurde. Die Begründung für uns alle lautete: Zu wenige Beweise für die Rückkehrbereitschaft. Unsere Begleitperson fragte die Mitarbeiter auf der Botschaft: „Warum verweigern Sie diesen Jugendlichen die Möglichkeit, Deutschland kennenzulernen?“ Als Antwort wurde uns gesagt, dass es sein könnte, dass wir illegal dort bleiben und, dass Worte keine ausreichenden Beweise wären. Außerdem sagte man uns, es würden generell keine Visa während des laufenden Schuljahres/Semesters ausgestellt werden. Besonders paradox dabei fanden wir, dass zwei von uns sogar ein Dauervisum für die USA hatte und auch für Familienbesuche schon dorthin und zurück gereist war. Trotzdem wurde auch ihnen unterstellt, sie könnten illegal in Europa bleiben, wo sie keine Familie haben und nur wenige Leute kennen.

Da wir und auch unsere deutsche Partnergemeinde diese Entscheidung nicht einfach so hinnehmen wollten, legten wir Remonstration ein. Unsere deutschen Partner schrieben dazu einen Brief an die Botschaft und sendeten noch weitere Dokumente, wie etwa eine Verlaufsgeschichte aller vergangenen Austauschreisen ein. Man sagte uns daraufhin, die Entscheidung würde geprüft werden und das Ergebnis werde den deutschen Partnern und nicht uns direkt mitgeteilt. Eigentlich hätte die endgültige Entscheidung bis gestern feststehen sollen, allerdings wissen wir immer noch nichts Neues und bis zum geplanten Abflugtermin sind es jetzt nur noch zwei Wochen. Wir müssen nun wissen, was Sache ist, da ja einige von uns eventuell noch Prüfungen vorher ablegen müssen. Auch für die unter uns, die einen Nebenjob haben ist das Ganze problematisch, da sich auch die Arbeitgeber darauf einstellen müssen. Und wenn sie sowieso wieder nein sagen, warum sagen sie es uns dann nicht gleich?

Nachtrag der Redaktion: Die Visumsanträge wurden auch nach dem Remonstrationsverfahren abgelehnt. Die Jugendlichen konnten ihre Reise nach Deutschland nicht antreten.

Raul Amadis, Organisator des Austauschs:

Wir pflegen sehr gute Freundschaften mit Deutschland und machen diese Reisen schon seit vielen Jahren. Nie gab es Probleme und immer ist die gesamte Gruppe zurückgekehrt. Niemand hat auch nur daran gedacht einfach so in Deutschland zu bleiben. Denn wozu? Wenn wir wissen, dass es nicht einfach ist dort zu arbeiten und wir nicht einmal die Sprache gut sprechen. Dieses Mal, als die Gruppe das Visum beantragte, war es eine sehr frustrierende Erfahrung. Die Personen, die bei den Interviews für uns zuständig waren verhielten sich sehr aggressiv. So wie die Situation im Moment ist, sehe ich den Visumsprozess hauptsächlich als ein wirtschaftliches Geschäft. Und es ist ungerecht, dass sie dir im Falle einer Nichterteilung des Visums nicht einmal einen Teil des Geldes zurückzahlen. Ein Visum für ein anderes Land beantragen zu müssen, vor allem für Europa und die USA, ist für mich das Erniedrigendste was einem Menschen passieren kann. Nicht nur, wenn sie dir das Visum verweigern, allein um es zu beantragen muss man sich vor der Botschaft mit all den vorzulegenden Dokumenten praktisch „nackt ausziehen“. Unser Land ist offen für Menschen aus aller Welt, und wenn wir selbst reisen wollen werden wir so schlecht behandelt. Das ist diskriminierend auf allen Ebenen. Nur weil wir ein weniger entwickeltes Land sind heißt das nicht, dass wir keine Würde haben.


++ versión española ++

 

Nota de la Redacción: El reporte está basado en una entrevista grupal que se realizó el 15 de abril 2018 en Bonao, República Dominicana.

Somos un grupo de jóvenes católicos llamado “Morada de Jesús” y desde hace muchos años tenemos una amistad con el círculo de amigos de una parroquia en Bocholt. Desde 1997 hemos organizado varios viajes de intercambio, en cuales un  grupo de jóvenes alemanes nos visita aquí en Bonao y en contrapartida, algunos de nosotros viajamos a Alemania. Hasta ahora, nunca tuvimos ningún problema, al contrario, estos viajes fueron una muy buena experiencia y oportunidad de conocer otro país durante 2- 3 semanas.

El último intercambio de jóvenes de Bonao para Alemania fue hace ya 17 años y por eso teníamos un viaje planificado para este año. Además, queríamos participar, juntos a nuestros compañeros alemanes, en el día alemán de los católicos, que este año se va dar en Münster, no muy lejos de Bocholt. El viaje se planificó del 30 de abril al 18 de mayo y nuestro grupo consistía en nueve jóvenes y dos acompañantes. Lamentablemente, las cosas no pasaron como esperábamos.

Por experiencia, los organizadores del intercambio ya conocían el proceso de visa y sabían qué documetos necesitamos. Nos mandaron una carta de invitación oficial desde Alemania, en cual explicaban la razón del viaje y otros detalles, como por ejemplo que íbamos a vivir en familias de hospedaje durante la estadía en Bocholt. Como todos nosotros todavía somos estudiantes, también informamos al colegio y a la universidad sobre el viaje, y nos dieron una carta de permiso oficial que nos permitiría estar ausentes en este tiempo. También, nos dieron un permiso especial para escribir algunos exámenes antes del viaje.

El primero de marzo teníamos entrevista en la embajada y viajamos con todos los documentos necesarios a la capital, Santo Domingo, que queda a más o menos una hora y media de Bonao. A los miembros del grupo todavía menores de edad los entrevistaron juntos a sus padres, mientras que los mayores tuvimos entrevistas individuales. Había preguntas comunes para todos a pesar de haber diferentes personas haciendo las entrevistas. Por ejemplo, nos peguntaron a todos si teníamos familiares en Europa y si teníamos la intención de visitarles durante el viaje. A veces, en una misma entrevista, repetían la misma pregunta varias veces usando diferentes palabras, por ejemplo cuando querian saber cómo iba a afectar el viaje a nuestros estudios. Entre el grupo tuvimos impresiones diferentes de las entrevistas. Algunos se sintieron cómodos  y consideraron las preguntas normales. Sin embargo, otros creyeron que el tono de la conversación fue impertinente y se sintieron presionados por la manera de preguntar las cosas. Algunos de nosotros nos sentimos acusados por la persona de la entrevista. Durante la entrevista de una de nosotros, de repente vino una tercera persona a la casilla y empezó a hacer preguntas también . Además, nos hicieron comentarios cómo “¡¿Usted sabe que todo eso es muy costoso?!” Todos teníamos que pagar 60 euros por la visa y los vuelos ya estaban comprados también. Era verdad que era muy caro para algunos de nosotros, y el grupo de Alemania cubrió una parte de esos gastos.

Después de las entrevistas nos dijeron, que debíamos volver el lunes siguiente  entre las 8.00 y 10.00, ahí nos iban a dar la respuesta. La embajada se quedó con los pasaportes durante esos días . El lunes llegamos temprano a la embajada, donde nos dijeron que deberíamos volver a las 11.00, que no se decidían todavía. Así que nos quedamos esperando algunas horas en Santo Domingo. A las 11.00, primero llamaron a uno de los acompañantes, un padre católico. A él le dieron la visa. Después llamaron a una joven de nosotros, a ella no la visaron. De uno en uno, nos fueron negando la visa a todos los jóvenes y a la segunda acompañante. Sus argumentos eran que no mostrabámos suficientes  motivos para volver a República Dominicana. La acompañante les preguntó a las personas de la embajada: „¿Por qué les niegan a estos jóvenes la oportunidad de conocer Alemania?” Nos respondieron que cabía la posibilidad de que nos fuéramos a quedar allí de forma ilegal y que las palabras no eran prueba suficiente. Además, nos dijeron que no daban visas durante el año escolar/universitario. Nos pareció muy raro porque a dos de nuestros compañeros  les habían aceptado la visa para Estados Unidos anteriormente, habían viajado allí para visitar a su familia y habían vuelto. Aún asi, les imputaron que pudiesen quedarse illegalmente en Europa, donde no tienen familia ni conocen a mucha gente.

Como nosotros y los companeros alemanes no queríamos aceptar esa decisión, formulamos una reconvención. Los alemanes escribieron una carta a la embajada y mandaron más documentos, como por ejemplo un historial de todos los viajes de intercambio pasados. En consecuencia nos dijeron que iban a revisar la decisión y que les comunicarían la respuesta final a los compañeros alemanes, no a nosotros directamente. Nos querían dar la respuesta hasta ayer, pero todavía no sabemos nada nuevo y solamente faltan dos semanas para el día de ida. Tenemos que saberlo ya, porque algunos de nosotros tal vez tienen que escribir exámenes antes del viaje. También es problemático para aquellos de nosotros que tienen un trabajo, porque también tienen que informar de si van a faltar o no. Y si como quiera nos van a decir que no otra vez, ¿por qué  no lo dicen ya?

Suplemento de la redacción: Aún después del proceso de remonstración negaron la visa del grupo. Los jóvenes no pudieron viajar a Alemania.

 

Raúl Amadis, organisador del intercambio:

Nosotros tenemos muy buenas amistades en Alemania, y muchos años haciendo estos viajes. Nunca habia problemas, y siempre el grupo entero ha vuelto.  Por la mente de nadie ha pasado quedarse en Alemania. ¿Porque a qué? Si sabemos que aya no es fácil trabajar y ni hablamos bien la idioma. Esta vez que el grupo fue a buscar la visa, fue una experiencia muy frustrante. Las personas que nos atendieron en la entrevista se manejaron muy agresivos. Cómo está la situacion ahora, veo ese proceso de la visa mayormente como un negocio. Y es injusto que no te devuelven ni una parte del dinero cuando te niegan la visa. El hecho de buscar visa para otro pais, sobre todo por Europa y Estados Unidos, para mi es lo mas humillante que pueda pasar a un ser humano. Y no sólo cuando te la niegan, tambien para solo pedirla tienes que “encuerarte” antes de la Embajada con todos los documentos que hay que llevar. Nuestro pais está abierto para todo el mundo, y cuando nosotros queremos viajar nos tratan de una manera tán mala. Eso es discriminatorio en todos niveles. El hecho de que somos un país menos desarollado, no significa que no tenemos dignidad.

 

 

 

 

 

Origin:
Dominican Republic
Destination:
Germany
Purpose:
youth exchange program
Name:
youth group "Morada de Jesús"
Occupation:
students